Vienna Ghosthunters - Verein für paranormale Untersuchungen

Die Presse

Geisterjäger: Nachts im Wald kommen die Geister

von Eva Winroither (Die Presse)

Geisterjäger / Bild: (c) Teresa Zötl

Anja glaubt von einem Geist berührt geworden zu sein – und René will ihn gesehen haben. „Da an der Hand“, sagt sie und streckt den Arm aus. „Er hat versucht, mich festzuhalten.“ Der 1,80 Meter große René M. steht mit großen Augen und blassem Gesicht daneben und sagt nicht viel. Seine Frau Manuela dafür um so mehr: „Siehst du“, meint sie triumphierend, „schön langsam beginnst du dich für Übersinnliches zu öffnen. Ich hab's dir ja gesagt.“

Anja S., René und Manuela M., Manuel S. und Wilhelm Gabler suchen Geister. Fast jedes Wochenende durchstreifen die selbst ernannten „Geisterjäger“ in der Nacht die Umgebung von Wien, immer auf der Suche nach Erscheinungen, die sie sich nicht erklären können.

„Ich war schon immer an übernatürlichen Phänomenen interessiert“, erklärt Wilhelm Gabler, 30 Jahre alt, Tierpfleger in Wien und Anführer der Gruppe. Bereits um 18 Uhr haben er und seine Freunde sich auf den Weg zum Franzosenfriedhof in der Lobau gemacht. Dort, wo Napoleon 1809 in der Schlacht bei Aspern fast 30.000 Mann verloren hat, würden sich Geister herumtreiben. Mit einem Nachtsichtgerät, einem Richtmikrofon, einemThermometer, mehreren Spiegelreflexkameras und Diktiergeräten ausgerüstet streunen die Geisterjäger jetzt durch den Wald in der Hoffnung auf Beweise.

„Das Übersinnliche liegt bei uns in der Familie“, sagt Wilhelm Gabler. Schon seine Mutter hätte sich damit befasst. Gabler war es auch, der vor zehn Jahren die „Vienna Ghost Hunters“ gegründet hat – einen Verein, der sich mit paranormalen Phänomenen befasst. „Die wir versuchen aufzuklären“, sagt der kahlköpfige Mann, der auch immer wieder als Nachtwächter und Bodyguard gearbeitet hat.

An Geister glaubt er zwar, trotzdem gebe es „in 98 Prozent der Fälle eine natürliche Erklärung“. Alte Rohre seien zum Beispiel oft der Grund für klopfende Geräusche in Häusern und Schimmelpilz oder starke elektromagnetische Felder könnten Halluzinationen hervorrufen: „Wenn etwa Hochspannungsleitungen zu nah an ein Haus gebaut wurden.“ Ein Wissen, von dem auch andere Menschen profitieren sollen. Immer wieder werden die Geisterjäger nämlich in Wohnungen gerufen, weil sich die Bewohner aus unerklärlichen Gründen in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr wohlfühlen.

Magnetfelder provozieren Geister. Für ein genaues Gutachten müssen die Geisterjäger diese Wohnungen mehrmals besuchen. Kosten tut das nichts. Haben Gabler und seine Freunde erst einmal die Ursache des Spuks entdeckt, versuchen sie, den Betroffenen zu helfen. Eine Mietzinsminderung hätten die angeblich offiziell anerkannten Gutachten der Geisterjäger für mehrere Bewohner von maroden Häusern zum Beispiel schon erwirkt, auch den Umzug von Familien in andere Häuser.

In vielen Fällen ist es aber gar nicht die Bausubstanz, die an den vermeintlich übersinnlichen Phänomenen Schuld ist: „Gerade alte Menschen sind oft einsam und depressiv, die wollen dann einfach nur Ansprache“, erklärt Gabler. Diesen Personen vermitteln die Geisterjäger dann die Nummer von Pensionistengruppen oder sogar Psychotherapeuten. Ob die Leute dann dort anrufen ist ihre Sache.

Freilich, wer sich mit paranormalen Phänomenen beschäftigt, der müsse auch immer wieder mit Scherzen rechnen. „Viele Leute wollen uns testen“, erklärt er, „ aber mit der Zeit weiß man, was echt ist und was nicht.“

Ein Mädchen schwebt. Nur in zwei Prozent der Fälle kann sich der Vater zweier Kinder das Phänomen nicht erklären. „Aber da sagen wir dann auch nicht, dass es ein Geist ist, sondern nur, dass wir nicht wissen, was es ist“, meint Gabler. Mit der Zeit habe er sich so eine gewisse Abgebrühtheit zugelegt. Nur das Erlebnis am Anfang seiner Karriere, bei dem ein Mädchen einen halben Meter über dem Bett geschwebt ist, könne er sich bis heute nicht erklären. „Ich weiß aber auch nicht, was aus ihr geworden ist“, sagt Gabler. Denn er sei Hals über Kopf aus dem Zimmer geflüchtet.

Eine Haltung, die er sich oder seinen Kollegen heutzutage nicht mehr erlaubt. Denn egal, was passiert: „Niemand läuft hier weg.“ Als Personenschützer wisse er um die Gefahr, die von panischen Menschen ausgehe. Und wer kopflos durch den Wald läuft, der könne sich schnell verletzten.

Heute braucht er keine Angst zu haben, dass sich jemand so verhält. Seine Freunde Manuel, René, Manuela und Anja sind erfahrene Geisterjäger. Die Liebe zum Übernatürlichen hat sie zusammengebracht – und der Wille zum Nervenkitzel. „Es ist wie eine Sucht“, erklärt der 26-jährige Manuel. „Irgendwann willst du immer mehr.“ Deswegen sind sie auch immer auf der Suche nach neuen Plätzen. So wie heute Nacht.

„Willkommen“. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt bis in die Lobau, danach geht es ein Stück hinein in den Wald bis zum Friedhof. Jeder der Geisterjäger trägt sein „Werkzeug“ in der Hand – Fotoapparat oder Richtmikrofon. Der Steirer Manuel hat auf seinem Kopf ein altes Nachtsichtgerät. Nur die Infrarotkamera fehlt: „Die ist uns noch zu teuer.“ Mit den mitgebrachten Utensilien gehen die fünf Freunde stillschweigend durch den „Geisterort“ und nehmen penibel ihre Umgebung auf. Sie filmen, machen Fotos und lassen das Diktiergerät permanent mitlaufen. „Erst später wissen wir, ob wir wirklich etwas gefunden haben“, erklärt der 36-jährige René. Denn am Ende einer Tour wird das gesamte Material auf Geisterbilder und Botschaften überprüft. Da werden die Fotos im Computer auf Schatten gescannt, die aufgenommenen Minuten in Tonspuren zerlegt und auf Stimmen überprüft. Schon oft wollen die Geisterjäger dann Nachrichten empfangen haben. „Geh weg“ etwa oder „Willkommen“.

Die „Highlights“ ihrer Sichtungen stellen sie ins Netz. So auch ein Foto, das auf dem Zentralfriedhof gemacht wurde und auf dem ein Schatten zu sehen ist. An einem Tag, an dem es nicht einmal ein bisschen nebelig war. „Da ist ganz klar eine Frau mit einem Kind an der Hand zu erkennen“, sagt Manuel. Tatsächlich ist auf dem Foto ein Schatten zu sehen, wie auch immer der zu deuten ist.

Doch von Kritikern lassen sich Geisterjäger sowieso nicht verunsichern. „Wir sind ja selbst auf der Suche nach dem ultimativen Beweis“, sagt Gabler. Zumindest sei das eines der vielen Motive, die ihn antreiben. Neben dem großen Adrenalinkick, den er immer wieder in unheimlichen Situationen verspüre. Auch wenn dieses Gefühl mit den Jahren immer schwächer geworden ist. „Manchmal wünsche ich, ich würde mich wieder mehr fürchten“, sagt er.

Dabei gibt es selbst für ihn ein paar Orte in Wien, die er nie im Leben betreten würden. „Dort sind Satanisten“, sagt er. Sicherheit habe für ihn oberste Priorität. Bei gefährlichen „Sichtungen“ sei die Polizei immer informiert. Ob diese dann wirklich auch kommen würde, ist natürlich eine andere Frage. Lieber greifen daher auch die Geisterjäger zu Altbewährtem und das ist in ihrem Fall der Friedhof der Namenlosen im Albener Hafen.Dort liegen etwa 100 Wasserleichen begraben, zum größten Teil Selbstmörder, deren Begräbnis nicht im Namen der Kirche stattfinden konnte.

Der Friedhof der Namenlosen. Im alten Teil des Friedhofs stehen rund 480 Kreuze. „Der ganze Friedhof ist hoch frequentiert von Geistern“, sagt Gabler. Auch vom Geist von Josef Fuchs, Totengräber und Gründer des Friedhofs. Den hätten er und seine Freunde auf einem Foto identifiziert, das sie dort gemacht haben. Daher ist es auch selbstverständlich, dass sich die Gruppe nach dem eher enttäuschenden Versuch am Franzosenfriedhof („Da passiert heute gar nichts mehr.“) dorthin begibt. Und tatsächlich, nach einer Viertelstunde wird René M. ganz blass im Gesicht. „Dort in der Ecke ist er gestanden“, sagt er und deutet auf ein Kreuz in der Ecke. Einen junger Mann will er dort gesehen haben. „Mich hat jemand berührt“, sagt Wilhelm Gabler mit großen Augen.

Auch wenn er das schon öfter erlebt habe, stünden ihm jetzt die Haare zu Berge. Hat jemand mitgefilmt oder Fotos gemacht? Nein. „Leider haben wir in den besten Momenten nie die Kamera dabei“, sagt Manuela M. achselzuckend. „Aber vielleicht ist ja auf den Fotos etwas drauf.“ Die Auswertung wird nichts ergeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2011)

Vienna Ghosthunters - Verein für paranormale Untersuchungen