Vienna Ghosthunters - Verein für paranormale Untersuchungen

 

Die "Vienna Ghosthunters" kommen, um Paranormales wissenschaftlich zu erklären – einiges bleibt rätselhaft

Auf der Jagd nach Übersinnlichem

Von Petra Tempfer

  • Elektromagnetische Felder und Leitungen sind oft Ursache für paranormale Phänomene.
  • Staatlich anerkanntes Gutachten: Zwei Familien zum Umzug bewegt.
  • Heikle Aufträge nur unter Polizeischutz.

Mit Richtmikrofon, Diktiergerät und Kamera auf Geisterjagd auf dem Friedhof der Namenlosen: René Mahr (l.), Manuela Mahr (M.) und Vereinsgründer Wilhelm Gabler. Foto: Andreas Pessenlehner

Wien. Hinter den Grabsteinen raschelt etwas im Schwarz der Nacht, und an der Kapelle scheinen dunkle Schatten vorbeizuhuschen. Als eine Fabrikssirene aufheult, schrecken alle zusammen – die Nerven liegen blank bei dieser nächtlichen Exkursion auf den Friedhof der Namenlosen, der sich in Wien-Simmering an einen entrischen Zipfel des Alberner Hafens schmiegt.

Und dennoch spendet gerade dieser Friedhofsbesuch Mut, trotz übersinnlicher Phänomene die Vernunft über seine Angst siegen zu lassen. Sind es doch die "Vienna Ghosthunters", die an den vermeintlichen Geistererscheinungen vorbei durch den Friedhof führen – und die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Paranormales wissenschaftlich zu erklären.

"Auf dem Friedhof der Namenlosen, wo bis 1935 die angeschwemmten Donauleichen begraben worden sind, ist mir die Idee gekommen, den Verein der ,Vienna Ghosthunters‘ zu gründen", berichtet Wilhelm Gabler, ein gelernter Tierpfleger, während er ein futuristisch anmutendes Richtmikrofon mit Riesentrichter, Fotoapparate sowie ein Messgerät für elektromagnetische Strahlung vor sich ausbreitet. Vor neun Jahren verwirklichte er seinen Traum und gründete den Verein, der vor kurzem neu strukturiert worden ist und nun rund zehn Mitglieder zählt.

"Jetzt im Winter, wenn es früh dunkel wird, laufen die Telefone bei uns heiß", erzählt Gabler, auf dessen Pullover ein Personalausweis im Scheckkartenformat mit dem Schriftzug "Vienna Ghosthunters" steckt. Vor allem Berichte über Nebelgesichter und Erscheinungen von Toten häuften sich in dieser Jahreszeit – zumeist seien der dichte Bodennebel und die hohe Luftfeuchtigkeit dafür verantwortlich. Allein die sichtbare Ausatemluft beim Fotografieren könne Geister auf Fotos zaubern. "Handystrahlen, Elektrosmog und Angst können außerdem Halluzinationen hervorrufen", ergänzt Vereinsmitglied René Mahr.

Immer häufiger werden die "Vienna Ghosthunters" in eine Wohnung gerufen – etwa, weil Klopfgeräusche den Bewohnern den Schlaf rauben oder ihnen in bestimmten Zimmern stets kalte Schauer über den Rücken laufen. Sowohl das Erstgespräch als auch die Untersuchung und der Endbericht mitsamt Abschlusstreffen sind kostenlos – der Verein erhält sich über die Mitgliedsbeiträge von je 100 Euro im Jahr selbst.

98 Prozent der Fälle erklärbar

Die staatlich anerkannten Endberichte haben laut Gabler bereits zwei Familien zum Umzug bewegt. "In beiden Fällen konnten wir belastende Stromfelder nachweisen, die eine innere Unruhe hervorriefen", erklärt er – und nimmt den paranormalen Phänomen ihren Grusel: Klopfgeräusche stammten häufig von Wasserleitungen und kalte Schauer von Türschlitzen, durch die Luft unterschiedlicher Temperatur strömt. "Für 98 Prozent der Fälle gibt es eine wissenschaftliche Erklärung", so der Geisterjäger, der allerdings ein wenig sentimental hinzufügt: "Je mehr man den Erscheinungen nachgeht, desto weniger glaubt man eigentlich an Paranormales."

Selbst diejenigen, die die "Vienna Ghosthunters" rufen, sind nicht immer glücklich über den entzaubernden Endbericht, wie Mahr ergänzt. Jahrelang hätten sie mit der Vorstellung gelebt, dass etwas Unerklärliches und irgendwie Faszinierendes sie begleitet. Die wissenschaftliche Erklärung beraube sie dieses Gefühls. "Andere sind schon einfach nur froh, endlich wieder in Ruhe schlafen zu können", so Mahr.

Und dennoch – ein kleiner Rest bleibt unerklärt. Vor allem der Friedhof der Namenlosen zieht die Geisterjäger magisch an, weshalb sie ihm regelmäßig einen Besuch abstatten. Bei der heutigen Exkursion bringen sie ihre Kameras beim Eingang zum neuen Teil (1900 bis 1935 entstanden) in Position. Hier sind etwa 100 Wasserleichen begraben – zu einem großen Teil Selbstmörder, denen ein Begräbnis in Gottes Namen nicht zustand. Auf dem alten Teil (1854 bis 1900 gewachsen) stehen rund 480 Kreuze.

"Einmal haben wir ein Foto gemacht, auf dem wir später schemenhaft das Gesicht eines bärtigen alten Mannes erkennen konnten", berichtet Gabler, hinter dem vereinzelte rote Grablichter im Dunkel der Nacht flackern. Das Team fand zwar keine Erklärung für das Gesicht, drang aber bei seinen Recherchen in die Geschichte des Friedhofs vor und gelangte an Fotos des letzten hier tätigen Totengräbers: Josef Fuchs, ein bärtiger alter Mann, dem das Nebelgesicht glich.

Vier Gruppen in Deutschland

"Für uns unerklärliche Phänomene sind aber nicht automatisch paranormal", betont Gabler. Dennoch stößt die Gruppe oft auf Kritiker, die ihnen bei ihren Untersuchungen etwa auf verlassenen Burgen Streiche spielen. "Wenn wir in einsamen Gegenden unterwegs sind, haben wir daher immer Polizisten mit", sagt der Vereinsgründer Gabler, "und die Mitglieder werden extra versichert." Vor allem fürchte er Satanisten. "Es gibt Orte, wo wir nicht hingehen, weil wir wissen, dass es hier Satanisten gibt."

In Deutschland wären die Geisterjäger jedenfalls in guter Gesellschaft – hier bieten vier Gruppen ihre Hilfe bei paranormalen Erscheinungen an. In Österreich sind insgesamt zwei Vereine unterwegs. All jene, die den "Vienna Ghosthunters" beitreten wollen, werden vorerst zu einer nächtlichen Untersuchung auf den Friedhof der Namenlosen mitgenommen – wer dabei nicht sofort aus Angst die Flucht ergreift, hat einen wesentlichen Teil der Prüfung bereits bestanden.

Printausgabe vom Samstag, 06. November 2010 Online seit: Freitag, 05. November 2010 19:41:21

Vienna Ghosthunters - Verein für paranormale Untersuchungen